01.11.2010 | Geschichte

Auswärtiges Amt wirkte an Nazi-Verbrechen mit

Das Auswärtige Amt war seit 1933 an der Gewaltpolitik des Nationalsozialismus (NS) beteiligt. Nach 1945 hat man alles getan, um die schwere NS-Belastung des Amtes und vieler seiner Diplomaten zu vertuschen.

Von Johannes Scholten, Marburg

Dies sind die Ergebnisse der Unabhängigen Historikerkommission, die seit dem Jahr 2005 die Vergangenheit des Außenministeriums erforscht – koordiniert vom Marburger Zeithistoriker Eckart Conze. Am Donnerstag, den 28. Oktober 2010 wurde die Studie in Berlin offiziell an Außenminister Guido Westerwelle übergeben.

Conze zeigte sich „erschrocken über das Ausmaß, in dem die diplomatische Elite mit dem Nationalsozialismus kooperierte, über die Reibungslosigkeit, mit der das Amt nach 1933 funktionierte“. Wie die Historikerkommission feststellte, wirkte das Auswärtige Amt aktiv an der Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden mit. Es war in diesem Sinne eine verbrecherische Organisation. Nach 1945 gab es eine erhebliche personelle Kontinuität, und Conze nennt es „bestürzend“, wie deutsche Diplomaten im Bewusstsein ihrer Schuld nach Kriegsende versuchten, sich rein zu waschen: vor Gericht, politisch und publizistisch durch die Konstruktion von Geschichtslegenden.

Die Unabhängige Historikerkommission zur Aufarbeitung der Geschichte des Auswärtigen Amts in der Zeit des Nationalsozialismus und in der Bundesrepublik wurde im Jahr 2005 vom damaligen Außenminister Josef Fischer berufen. Neben Conze als Sprecher und Koordinator gehören ihr außerdem eine Reihe weiterer renommierter Historiker an: Norbert Frei (Jena), Peter Hayes (USA) und Moshe Zimmermann (Israel). Die 900-seitige Studie, für die die Forschungsarbeiten an der Philipps-Universität zusammenliefen, ist soeben als Buch erschienen: „Das Amt und die Vergangenheit. Deutsche Diplomaten im Dritten Reich und der Bundesrepublik“, München (Blessing-Verlag) 2010, 34,95 Euro. Die früheren Außenminister Fischer und Frank-Walter Steinmeier stellen das Werk am kommenden Donnerstag der Öffentlichkeit vor.

Conze gab seiner Freude darüber Ausdruck, dass ein wissenschaftlich wie politisch so bedeutsames Forschungsprojekt an der Philipps-Universität angesiedelt werden konnte. „Das ist auch ein Grund zur Freude für die Philipps-Universität insgesamt“, betonte der Historiker.

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