15.07.2011 | Fukushima

„Der deutsche Atomausstieg ist sehr ermutigend“

Greenpeace-Aktivistin Takada kritisiert ihre Regierung hart - und findet Vorbilder. Ein Interview von Ingo Arzt.

taz: Frau Takada, haben sich die Menschen in Japan vier Monate nach dem Tsunami und den Kernschmelzen von Fukushima an die nukleare Dauerkatastrophe gewöhnt?

Hisayo Takada: Besonders Eltern mit kleinen Kindern und Schwangere sind immer noch schockiert und verunsichert. Die Regierung sagt schlicht: Die Radioaktivität ist nicht mehr schädlich. Punkt. Trotzdem sind die Werte zu hoch. Es ist für die Menschen schwer herauszufinden, was wahr ist.

Hält die Regierung Informationen zurück?

Das glaube ich weniger. Sie sammelt einfach zu wenig und klärt nicht auf. Wenn Sie jemandem sagen, wie hoch die Strahlung in Millisievert ist, weiß kein normaler Mensch, ob das schädlich ist. Manche kommen zu uns und sind wirklich besorgt und haben Angst. Aber niemand kann ihnen sagen, was zu tun ist.

Was genau fehlt denn?

Nehmen Sie Tokio: Da nehmen lokale Behörden stichprobenartige Messungen vor, vielleicht an 20 Punkten. Aber in Tokio leben 13 Millionen Menschen. Wie kann man da ein paar Proben nehmen und dann sagen: Es besteht keine Gefahr mehr? Gleiches gilt für das Meer. Wir haben ein paar eigene Messungen gemacht und zu hohe radioaktive Belastungen gemessen. Noch schlimmer ist es in der Stadt Fukushima. Dort gibt es Stellen, an denen die Menschen eine höhere Strahlendosis abbekommen als heute in der Sperrzone um Tschernobyl. Die Behörden dekontaminieren, vor allem auf Spielplätzen und in Schulen. Wenn wir dann nachmessen, ist die Belastung immer noch zu hoch.

Und das verschweigen die Behörden?

Ich glaube, sie wollen weitere Konfusion vermeiden. Dabei müssten Schwangere und Kleinkinder aus diesen Gebieten evakuiert werden.

Regierung und Atomindustrie gelten als eng verbandelt. Ändert sich das jetzt?

Die Menschen kapieren das allmählich. Es gibt einige Medien, vor allem im Internet, die anfangen, die Sache anzuprangern. Aber das dauert noch Zeit. Momentan berät die Regierung ihre neuen Energiepläne hinter verschlossenen Türen. Das Wirtschaftsministerium zieht die Fäden, wie schon vor Fukushima, mit den gleichen Leuten. Die Diskussion sollte offen sein, wie zuletzt in Deutschland. Ihr habt die Sitzungen eurer Ethikkommission zum Atomausstieg einen ganzen Tag am Stück im Fernsehen übertragen …

das wolltet ihr euch nicht wirklich anschauen …

… aber jeder konnte sich informieren! Viele Japaner wissen nicht einmal, dass es momentan wichtige energiepolitische Entscheidungen gibt. Auf der Webseite der Regierung steht fast nichts.

Haben die Japaner den Willen, aus der Kernkraft auszusteigen?

Die Bevölkerung ja, die Regierung nein. Jüngste Umfragen haben gezeigt, dass 70 Prozent aus der Kernenergie rauswollen. Aber die alte Lobby redet den Menschen immer wieder ein, dass es ohne Atomkraft nicht geht. Und obwohl sich viele einen Ausstieg wünschen, glauben sie am Ende, es sei unmöglich.

Wie lang würde ein Ausstieg dauern?

Wir haben ein Szenario, das zeigt, dass wir bis kurz nach 2020 aussteigen können. Das zeigen auch andere Wissenschaftler, nicht nur wir. Wir brauchen keine neue Technik, die haben wir schon. Es gibt genug Wind, Sonne und Meereskraft. Was wir brauchen, ist der politische Wille.

Und wie wollen Sie die alten Seilschaften brechen?

Das ist Aufgabe der japanischen Wirtschaft! Wegen Fukushima hatten sie erst keinen Strom, dann waren ihre Produktionsanlagen verseucht. Früher stand die Marke „Made in Japan“ für Qualität, das Image ist jetzt dahin. All das müsste dazu führen, dass sich die Wirtschaft gegen Atomkraft ausspricht. Einige haben es bereits getan. Der Telekommunikationsanbieter Softbank hat eine Kampagne gestartet und einen neuen Geschäftszweig für erneuerbare Energien aufgebaut. Das ist aber zu wenig.

Wird der deutsche Atomausstieg in Japan beachtet?

Ja, sehr sogar! Viele Zeitungen haben groß über die deutsche Entscheidung berichtet. Auch über das italienische Referendum gegen Kernkraft. Der deutsche Atomausstieg ist sehr ermutigend für uns.

 

Hisayo Takada

31, ist Energie- und Klimaexpertin bei Greenpeace in Japan. Sie hat BWL studiert und war zwei Mal in der Fukushima-Region, um Radioaktivitätsmessungen zu begleiten.

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