30.08.2005 | Proteste gegen Hartz IV

Neue Wut

Vereinzelter Protest oder neue soziale Bewegung? Über den neuen Dokumentarfilm von Martin Keßler.

Von Robert Piterek, Düsseldorf

“Neue Wut” ist ein schonungsloser Blick auf die Betroffenen von Hartz IV, die Wähler, das Volk, die Vergessenen und Ignorierten. Ihr Protestpotenzial wächst, läuft aber ins Leere. Sie werden gehört, aber nicht verstanden. Sie fordern “Hartz IV” muss weg, glauben aber teils selbst nicht an einen Erfolg. In den von Regisseur Martin Keßler gezeigten Gesichtern liest man die Gründe: die Erniedrigung, die sie als Arbeitssuchende schon Jahre ertragen mussten; die Versprechungen der Politiker, sie sich schon zu oft als leer erwiesen. Die Initiatoren von Hartz IV üben sich derweil in Durchhalteparolen und zeigen sich unbeeindruckt, umgeben von Claqeuren am Tag der offenen Tür im Bundeskanzleramt oder im Blitzlichtgewitter der Fotografen. Die Erklärungen von Arbeits- und Wirtschaftsminister Clement und seine Gestik bilden einen deutlichen Gegenpol zur Stimmung auf der Straße – stures Weghören als Konzept, so stellt Keßler den Politiker dar. Die Betroffenen führt diese Ignoranz auf die Straße, lässt sie Plakate malen und sich gegen die Ungerechtigkeit der Arbeitsmarktreform solidarisieren.

Der Blick des Regisseurs schwenkt regelmäßig von Ost nach West: von Magdeburg oder Berlin nach Frankfurt/Main oder Bochum. Die Menschen im Osten und Westen der Republik zeigen im Protest Einigkeit, wenngleich mit unterschiedlichen Ausprägungen. Östlich der Elbe kocht die Wut bereit hoch: Teilweise zwanzig Prozent Arbeitslosigkeit, Perspektivlosigkeit und ein wachsendes Bedürfnis nach Gerechtigkeit schüren sie. Im Sommer 2004 wächst auch im besser betuchten Westen die Wut auf Hartz IV, äußert sich aber nur in Demonstrationen mit wenigen hundert Demonstranten. Eine davon ist Barbara Willmann,?eine ehemalige Bankangestellte, die als alleinerziehende Mutter zwei Töchter großzieht und nebenher in einer Altkleider-Sammelstelle arbeitet. Sie muss künftig auf über 100 Euro monatlich verzichten. Für ihre Nebentätigkeit bekommt sie als Folge von Hartz IV nur noch 1,50 Euro statt sechs Euro pro Stunde. “Das wird hart”, gesteht sie ein. Zu hart, denn sie wählt die Straße, um ihrer Wut Luft zu machen.

Andreas Ehrholdt ist Keßlers Gegenstück im Osten. Er tritt Hartz IV entgegen, indem er die Proteste in Magdeburg organisiert. Tausende von Menschen folgen ihm und klatschen begeistert, wenn er davor warnt, das reduzierte Arbeitslosengeld führe künftig zu einem großflächigen Dahinvegitieren. Ehrholdts Steckbrief: Über 42, gelernter Bürokaufmann, arbeitslos seit sieben Jahren, wohnhaft bei den Eltern, wo über die Jahre auch Verzweiflung und Hilflosigkeit ob der hoffnungslosen Arbeitsmarktlage eingezogen sind.

Während zunächst nur Attac an der Seite der Demonstranten steht, politisieren sich die Proteste im Herbst 2004. Im Westen entsteht die Wahlalternative soziale Gerechtigkeit, im Osten versuchen MLPD und PDS die Gunst der Stunde zu nutzen. Oskar Lafontaine und Gregor Gysi treten als Vertreter der Demonstranten in Erscheinung. Die Gewerkschaften beziehen keine eindeutige Stellung und disqualifizieren sich als Vertreter der Arbeitsplatzinhaber, nicht aber der Arbeitslosen. Das zeigt auch das ehrliche, aber resignierende Interview mit DGB-Chef Michael Sommer. Die einseitige Rolle der Gewerkschaften zeigt Keßler durch Filmaufnahmen der Arbeitsniederlegungen bei Opel in Bochum und ergreifende Interviews mit Streikenden und ihren Familien. Die Angst vor der Arbeitslosigkeit ist ein gesamtdeutsches Problem – das ist Keßlers Botschaft. Die Reaktion der enttäuschten Arbeiter sind Denkzettel an die Politik, wie bei der NRW-Wahl im Mai 2005. So richtig kommt nach der Wahl aber keine Freude auf bei den Opel-Arbeitern, denn in einem sind sie sich einig:“Mit der CDU wird’s noch schlimmer.” Eine Alternative müsste her.

Bereicherung bei “denen da oben” und Einsparungen bei “denen da unten”: Dieser fade Beigeschmack bleibt nach “Neue Wut” zurück. Bei der packenden Dokumentation kommt nur die Jugend etwas zu kurz. Möglicherweise, weil ihr noch nicht bewusst ist, was ihr bevorsteht.

© Cultura21, 2005

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Über den Filmemacher

Der Filmemacher Martin Keßler (51) studierte Geschichte, Germanistik, Wirtschafts- und Gesellschaftswissenschaften in Marburg und Berlin.
Seit 2001 unterrichtet er als Lehrbeauftragter an der Phillips-Universität Marburg.
Schwerpunkte seiner Arbeit als Filmemacher und freier Fernsehjournalist seit Mitte der 80er Jahre sind Berichte, Reportagen, Dokumentationen zu Sozial- und Wirtschaftsthemen, u.a. für ARD, ARTE, ZDF, WDR, HR.

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