13.02.2007 | Attac

Bewegung kommt in Bewegung

Während internationale Organisationen wie die UNESCO eine stärkere Einbeziehung der Zivilgesellschaft in die politischen Entscheidungen befürworten, werden die acht Mächtige der Welt durch Marine, Luftwaffe und zwölf Kilometer Zaun von den Globalisierungskritikern getrennt. Am Liebsten würde das Innenministerium die Demokratie für zwei Monate außer Kraft setzen, um die "Ordnung" zu garantieren: Genua 01 lässt grüßen! Ein Bericht über die angeblichen "Terroristen".

Von Felix Lee (taz), Berlin

Bewegung kommt in BewegungSven Giegold mag es gern plastisch. Das prominenteste Gesicht der deutschen Sektion von Attac zeigt auf eine große, weiße Schüssel Reis, die eine junge Kellnerin gerade auf den Tisch gestellt hat. “Das ist der klitzekleine Unterschied”, sagt Giegold. Befürworter des bedingungslosen Grundeinkommens wollten jedem die gleiche Portion Reis zuteilen. Anhänger öffentlicher Güter und Grundsicherung forderten, dass demokratisch entschieden wird, wie viel und wofür Reis aus der großen Schüssel genommen wird. Ein klitzekleiner Unterschied und nicht der einzige, der in der deutschen Linken tiefe Gräben aufreißt, was in der jüngeren Vergangenheit eine Zusammenarbeit oft verhindert hat.

Es ist eine illustre Runde, die sich Ende Februar in einem Chinarestaurant mitten im Frankfurter Bankenviertel trifft: Giegold gegenüber sitzt Axel Gentke, im IG-Metall-Vorstand zuständig für Sozialpolitik. Neben ihm: Berit Schröder von der Interventionistischen Linken (IL), einem erst vor zwei Jahren gegründeten Zusammenschluss linksradikaler Gruppen und Aktivisten. Eine Vertreterin von der Initiative “Kein Mensch ist illegal” hört den Schilderungen des Attac-Vordenkers ebenfalls zu. Globalisierungskritiker von Attac, Linksradikale und Gewerkschafter gemeinsam an einem Mittagstisch – eine ungewöhnliche Kombination: “Wir erleben eine neue Qualität der Zusammenarbeit”, sagt Giegold. Was sie aktuell zusammenbringt? Der G8-Gipfel in Heiligendamm.

Ziviler Ungehorsam strittig

So schwierig es für die Diplomaten ist, sich auf eine Tagesordnung für den offiziellen G-8-Gipfel zu einigen, so mühsam ist es auch für die Gegenseite, sich auf einen gemeinsamen Protestfahrplan zu einigen. Doch seit zwei Jahren sind bundesweit hunderte von AktivistInnen, VertreterInnen von Umwelt- und entwicklungspolitischen Initiativen und Sozialverbänden mit nichts anderem beschäftigt als der Vorbereitung der Proteste gegen den Gipfel der mächtigsten Regierungschefs. Bewegungsintern kam bereits die Kritik auf, dass sonstige Aktivitäten darüber brachlägen. Doch der frühe Vorlauf scheint sich auszuzahlen. Die AktivistInnen sind schneller als die Regierungsvertreter mit ihren Vorbereitungen. Der Protestfahrplan steht.

Auftakt ist eine gemeinsame Großdemonstration aller Organisationen in Rostock am Wochenende zuvor, an der sich neben Autonomen selbst christliche Gruppen beteiligen wollen. Zeitgleich mit dem offiziellen Gipfel wird es einen Gegenkongress geben, eine migrationspolitische Demo ist geplant und ein “Aktionstag zu Fragen der Landwirtschaft im Süden”. Daneben soll es viele weitere Aktionen geben, die Krieg, Flucht, Rassismus, Kolonialismus, Klimawandel, Gentechnik und soziale Rechte zum Thema haben. Strittig waren bis vor kurzem vor allem die geplanten Blockaden der Linksradikalen zu Beginn des Gipfels auf den Zufahrtstraßen der Regierungschefs nach Heiligendamm. Doch auch in diesem Punkt haben sich die unterschiedlichen Akteure auf “Aktionen des zivilen Ungehorsams” geeinigt. Nun gehört selbst die Grüne Jugend zu den Unterzeichnern des Blockadeaufrufs. Das für die bundesrepublikanische Linke in den vergangenen 20 Jahren schier Unerreichbare wird möglich: Alles läuft unter einem Dach.

Dem ging eine mühselige Koordinierungsarbeit in einer kaum zu überblickenden Szene voraus. Allein aufseiten der außerparlamentarischen Linken gibt es neben der IL ein sogenanntes Dissent-Network vor allem anarchistischer und autonomer Gruppen, dann die Euromärsche, die Sozialforen und natürlich Attac, das sich ebenfalls mehr als Netzwerk versteht denn als eigenständige Organisation. Die vielen lokalen G-8-Netzwerke sind noch nicht mit gerechnet und die europäische Koordinierung auch nicht.
“Die bundesweite Vernetzung hat viel Arbeit gekostet”, sagt Berit Schröder von der IL. Worauf man sich nun stärker konzentrieren müsse, sei die lokale Verankerung des Protests. Damit spricht sie ein grundsätzliches Problem bei großen Mobilisierungen an: Viele Kapazitäten werden für die Vernetzungsarbeit verbraucht. “Aber wer organisiert Diskussionsveranstaltungen, verknüpft die G-8-Mobilisierung mit sozialen Kämpfen vor Ort oder besorgt die vielen Busse nach Heiligendamm?” Dazu sei es jedoch nicht zu spät. Für sich selbst hat sie beschlossen, beim Networking kürzerzutreten. Lokalarbeit ist nun wichtiger, sagt die 32-Jährige. “Nur so werden wir auch viele.”

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Dieser Artikel wurde am 14.10.2009 aktualisiert.

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