07.02.2010 | Ökonomie

Papierproduktion vernichtet Waldflächen (© BirgitH - Pixelio)

Papierproduktion vernichtet Waldflächen in der Größe von 500 Fußballfeldern

In einem Interview erläutert WWF-Papierexperte Johannes Zahnen die Zusammenhänge zwischen globalem Papierkonsum, Waldzerstörung und heimischer Nachfrage.

Foto: © BirgitH / PIXELIO

Wie groß ist der weltweite Konsum an Papierprodukten?
Johannes Zahnen: „Seit 1950 hat sich der weltweite Papierverbrauch auf 367 Millionen Tonnen versiebenfacht! Da ein Großteil der Papierprodukte noch immer aus Frischfasern gewonnen wird, für die natürliche Wälder abgeholzt werden, hat der steigende Papierkonsum dramatische Auswirkungen auf die Artenvielfalt und den Klimawandel. Heute wird fast jeder zweite industriell gefällte Baum zu Papier verarbeitet. Mit rund 250 Kilogramm pro Kopf und Jahr verbraucht Deutschland heute so viel Papier wie gesamt Afrika und Südamerika zusammen. Leider stammen viel zu viel der Papierprodukte, die wir hier konsumieren, aus Raubbau“.

WWF-Mitglied werden!Welche ökologischen Auswirkungen hat der Papierkonsum?
Johannes Zahnen: „Jedes Jahr werden rund 13 Millionen Hektar Wald vernichtet. Etwa 3 Millionen Hektar davon gehen auf das Konto der Papierindustrie. Das bedeutet, dass in jeder Stunde weltweit Waldflächen in der Größe von 500 Fußballfeldern für Papierprodukte zerstört werden. Unser Papierkonsum bedroht unzählige Tier- und Pflanzenarten wie etwa den Orang-Utan oder den Tiger und forciert den Klimawandel“.

Wie wird sich die Nachfrage entwickeln?
Johannes Zahnen: „Bis 2015 wird mit einem Anstieg des weltweiten Papierverbrauchs von jetzt 367 Millionen Tonnen auf 440 Millionen Tonnen gerechnet. Durch das rasante Wachstum der Wirtschaft und der Nachfrage in Ländern wie China und Indien wird der globale Papierkonsum weiter angeheizt. Würden die Chinesen nur halb so viel Papier verbrauchen wie wir mit etwa 100 Kilogramm pro Kopf, würde der weltweite Papierkonsum sogar auf 530 Millionen Tonnen ansteigen. Wenn sich nichts ändert, wird der steigende Papierkonsum dazu beitragen, dass sich das Artensterben und der Klimawandel weiter verschärfen“.

Welche Rolle spielt China?
Johannes Zahnen: „China ist in mehrfacher Hinsicht ein entscheidender Faktor auf dem globalen Papiermarkt. Zum einen durch den steigenden individuellen Verbrauch seiner Bevölkerung. Zum anderen durch die steigenden Produktion für den internationalen Markt. Wie in anderen Wirtschaftsbereichen findet vor allem aus Kostengründen eine Produktionsverlagerung nach China statt. Innerhalb weniger Jahre hat sich China auf den ersten Platz der Zellstoffimporteure vorgeschoben. Auch Deutschland bezieht jedes Jahr mehr Waren aus China. 35 Prozent der nach Deutschland importierten Bücher stammen aus China“.

Wie sauber ist die Produktion in China?
Johannes Zahnen: „Wir betrachten die Expansion der chinesischen Papierproduktion aus ökologischer Sicht mit großer Sorge. Vor allem aufgrund der engen Vernetzung der chinesischen mit der indonesischen Papierindustrie. Den Rohstoff für sein Papier, die Holzfasern, muss das Land zu einem erheblichen Teil importieren. Eines der wichtigsten Herkunftsländer für China ist Indonesien. Über die Hälfte der indonesischer Zellstoffexporte gehen nach China. Und genau da liegt das Problem. Zellstoff wird in Indonesien hauptsächlich von den beiden Großkonzernen Asia Pulp & Paper (APP) und Asia Pacific Resources International Holdings (APRIL) produziert. Besonders APP, drittgrößer Zellstoffproduzent der Welt, ist bekannt für seine rücksichtslose und radikale Vorgehensweise. APP ist verantwortlich für gigantische Kahlschläge zum Beispiel in der Provinz Riau auf Sumatra“.

Was können Verbraucher tun, damit sie durch den Kauf beispielsweise eines Schulhefts nicht zum Raubbau beitragen?
Johannes Zahnen: „Für den Verbraucher gibt es zwei Möglichkeiten auszuschließen, dass Produkte aus Raubbau stammen. Zum einen, und das ist für uns wo immer es geht der beste Weg, empfehlen wir den Kauf von Recyclingprodukten. Wo das nicht möglich ist, empfehlen wir, beim Kauf von Frischfaserprodukten auf das FSC-Zertifikat zu achten. Es garantiert, dass das gekaufte Produkt aus verantwortungsvoller Waldwirtschaft stammt und anspruchsvolle ökologische und soziale Kriterien bei der Bewirtschaftung eingehalten werden. Zusätzlich müssen wir bewusst konsumieren und wo es möglich ist weniger Papier verbrauchen. Nur wenn wir gleichzeitig bewusster konsumieren und verantwortungsvoller produzieren, lässt sich die globale Waldzerstörung aufhalten“.

Wie verantwortungsvoll verhalten sich die deutschen Händler?
Johannes Zahnen: „Wie überall gibt es Gute und Schlechte. Einige Händler gehen mutig und mit gutem Beispiel voran, andere verschließen die Augen und tragen somit zum Raubbau an den Wäldern bei. Aber immer mehr Verbraucher wollen „saubere“ Produkte kaufen. Und da Papierhändler sehr stark auf die Nachfrage des Marktes reagieren, bieten immer mehr Papiergroßhändler „umweltfreundliche“ Papiere an. Umweltfreundlich sind für uns entweder Produkte aus Recyclingpapier oder Produkte, die das FSC-Siegel tragen“.

Sind Papierprodukte aus Plantagen ein Ausweg?
Johannes Zahnen: „Wer Plantagenbewirtschaftung als den Ausweg bezeichnet, der irrt. Plantagen können unweltverträglich sein, wenn bestimmte Kriterien erfüllt sind. Wurde für die Plantage wertvoller Urwald vernichtet? Werden bei der Bewirtschaftung der Plantage ökologische und soziale Kriterien eingehalten? Wurden die Rechte von Ureinwohnern berücksichtigt? Da Zellstoff heute international gehandelt wird und gerade Deutschland einer der größten Zellstoffimporteure der Welt ist, sind dies Fragen, die ganz konkret für die Papierindustrie in Deutschland und für die Konsumenten in Deutschland relevant sind.

Quelle: WWF – 29.01.2010

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