12.09.2010 | Globalisierte Ernährung

Mit Grundbedürfnissen lässt sich zu gut spekulieren

Die Nichtregierungsorganisation Germanwatch fordert eine strenge Regulierung der Spekulation an den europäischen Getreidebörsen.

Von Klemens van de Sand, Bonn

„Die EU muss jetzt endlich Konsequenzen aus der für Millionen von Menschen verheerenden Ernährungskrise vor zwei Jahren ziehen und den Handel mit Terminkontrakten an den Getreidebörsen strengeren Regeln unterwerfen“. Das fordert Christoph Bals, Politischer Geschäftsführer von Germanwatch angesichts des rasanten Anstiegs der Getreidepreise in den letzten Wochen und Monaten. Die neuerliche Preisexplosion lasse sich nicht allein mit den Bränden und dem darauf folgenden Weizenausfuhrverbot der Regierung in Russland erklären. Denn die weltweiten Lagerbestände von Weizen seien nach der Rekordernte von 2009 mit 190 Mio. Tonnen noch relativ hoch.
Die Ernteausfälle in Russland, Kasachstan, der Ukraine und Pakistan würden zudem durch gute Ernten vor allem in den USA und Argentinien zu einem großen Teil kompensiert. Der internationale Getreiderat schätzt, dass die gesamte Getreideernte 2010 mit etwa 26 Mio. Tonnen nur leicht unter dem weltweiten Bedarf liegen werde. Russland hat mit 10-18 Mio. Tonnen jährlich nie mehr als zehn Prozent zum internationalen Weizenhandel beigetragen.

Demnach hat die ungehemmte Spekulation an den Getreidebörsen die Preisspirale zwar nicht ausgelöst, aber doch ganz erheblich beschleunigt: Finanzinvestoren machen sich die global gesehen undramatische Verknappung des Angebots durch regionale Wetterextreme zunutze, indem sie Getreide in riesigen Mengen auf Termin kaufen, so die Stimmung an den Börsen anheizen, um dann Kasse zu machen. Laut FAO führt nur ein ganz geringer Bruchteil der Termingeschäfte zu einem realen Austausch von Ware. „Die Getreidebörsen haben buchstäblich die Bodenhaftung verloren“, kommentiert Germanwatch-Vorstand Klemens van de Sand. Auch von der deutschen Nahrungsindustrie wurde das Spekulieren mit Lebensmitteln kürzlich heftig kritisiert.

„Die hohen Preise treffen vor allem die Ärmsten in den Entwicklungsländern, die bis zu 80 Prozent ihrer Einkommen für Nahrung ausgeben, während es bei uns nur zehn bis zwanzig Prozent sind: Sie kaufen weniger und essen schlechter“, so van de Sand weiter. Die Zahl der Hungernden hat weltweit seit der letzten Krise 2007/08 um 150 Millionen auf über eine Milliarde zugenommen. Ein Teil der teuren, nur die Symptome einer verfehlten Politik kurierenden Nahrungsmittelhilfe könnte eingespart werden, wenn die Industrieländer konsequente Maßnahmen zur Beseitigung der Ursachen von Hunger und Armut treffen würden.

Die EU sei auch deshalb gefordert, weil die USA im Zuge der Finanzmarktreform die Agrarrohstoffmärkte transparenter gemacht und Preislimits für Terminkontrakte eingeführt haben. Allerdings seien die USA wie die EU immer noch nicht bereit, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass das Spekulieren auf höhere Getreidepreise nicht zuletzt auf die steigende Nachfrage nach Agrarkraftstoffen setzt, die durch Subventionen und Beimischungsvorgaben für sogenannten „Biosprit“ politisch generiert wird.
Das sei sowohl für die Ernährungssicherung als auch für das Weltklima und die Biodiversität kontraproduktiv, betont Klemens van de Sand. Denn der zunehmende Anbau von Agrarenergiepflanzen geschieht keineswegs vorwiegend auf brach liegenden Flächen, sondern verdrängt in signifikantem Maße den Anbau von Getreide für die menschliche Ernährung und führt zur Rodung weiterer Waldflächen vor allem in Lateinamerika und Südostasien.

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